Nahrath (Stanz- und Emaillierwerke)

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Nahrath (Stanz- und Emaillierwerke)
Anschrift Industriestraße
59229 Ahlen
Branche Emailleindustrie
Gründungsdatum 1907
Auflösungsdatum 1991
Inhaber Stephan Nahrath


Die Firma Stephan Nahrath war ein Ahlener Unternehmen der Emailleindustrie in Ahlen. Das 1907 gegründete Werk gehörte zur späteren Ausbauphase der Ahlener Emailleindustrie und bestand bis 1991.

Geschichte

Gründung und Konkurrenzkampf (1907–1914)

Stephan Nahrath stammte aus einer Ahlener Kaufmannsfamilie, die seit 1848 an der Ecke Oststraße/Südstraße ein Geschäft für Haushaltswaren betrieb.[1] Im Jahr 1907 gründete er in Ahlen ein eigenes Werk der Emailleindustrie.[2]

Die Firmengründung stieß bei den bereits etablierten Ahlener Fabrikanten auf Widerstand. Ein Aktenvermerk im Firmenarchiv belegt, dass Heinrich Mentrup von Herding & Mentrup versuchte, Nahrath von der Gründung abzubringen. Er empfahl ihm stattdessen die Übernahme des wirtschaftlich angeschlagenen Werks Ehrenberg & Co.[1] Nahrath lehnte dies ab und baute ein eigenes Werk auf. Im Oktober 1910 beschäftigte die Firma bereits 64 Arbeiter.[1]

Erster Weltkrieg und Rüstungsproduktion

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde die Produktion auf Kriegswirtschaft umgestellt. Die Firma stellte vor allem Waffenteile und Ausrüstungsgegenstände her.[1] Da Rohstoffe wie Kupfer für zivile Zwecke gesperrt waren, entstanden daneben auch Ersatzartikel aus Emaille für den privaten Gebrauch.[3]

Der „Stahltopf-Streit“ in den 1920er Jahren

In der Zwischenkriegszeit kam es zu einer langjährigen juristischen Auseinandersetzung mit der Firma Herding & Mentrup. Nahrath hatte einen Topf mit der Aussage beworben, die Glasur sei „aufgeschweißt“ und halte daher länger als herkömmliche Emaille.[4]

Die Konkurrenz klagte wegen unlauteren Wettbewerbs. Der Rechtsstreit zog sich über mehrere Instanzen hin. Erst Anfang 1927 kam es zu einem Vergleich. Gutachten hatten ergeben, dass die Werbeaussage technisch nicht haltbar war. Nahrath sah in der Klage einen weiteren Versuch der Konkurrenz, seinem Werk wirtschaftlich zu schaden.[4]

Zweiter Weltkrieg und Zwangsarbeit (1939–1945)

Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Firma erneut zum Rüstungslieferanten der Wehrmacht. Zum Produktionsprogramm gehörten unter anderem Gurtkästen für Maschinengewehre, Spundwände für Flugzeug-Zusatztanks und Teile für Fliegerbomben.[5]

Um Zuteilungen für notwendige Maschinen zu erhalten, musste die Firma eidesstattliche Versicherungen über deren Unabkömmlichkeit für die Heereslieferungen abgeben. Da viele männliche Stammarbeiter im Kriegseinsatz waren, wurden zunächst verstärkt Frauen beschäftigt. Später setzte das Unternehmen in größerem Umfang zivile Fremdarbeiter und Kriegsgefangene ein. Zu deren Unterbringung unterhielt die Firma ein eigenes Lager.[5]

Nachkriegszeit und Umstellung

Die Rückkehr zur zivilen Produktion nach 1945 war von erheblichen Rohstoffengpässen geprägt. Teilweise wurden vorhandene Bestände von Rüstungsgütern zu Haushaltsgegenständen umgearbeitet.[6] Eine spürbare Verbesserung trat erst 1947 ein, als die Emailleindustrie in das sogenannte Bergarbeiterpunkteprogramm einbezogen wurde und dadurch die Versorgung mit Eisenblechen gesichert werden konnte.[5]

Betriebskultur und Soziales

Trotz der harten Arbeitsbedingungen entwickelte sich eine ausgeprägte Betriebskultur. In den 1930er Jahren bestand eine eigene Betriebssportabteilung. Das Angebot umfasste unter anderem Fußball, Schwimmen, Tischtennis, Kegeln und Schach.[7]

Standort

Die Firma profitierte von mehreren Standortvorteilen in Ahlen. Dazu gehörten vor allem die günstige Bahnanbindung für den Bezug von Kohle und Blechen aus dem Ruhrgebiet sowie die Elektrifizierung der Stadt, die den Einsatz mechanisierter Stanzmaschinen erleichterte.[3][8]

Der blaue Topf

Ein weithin sichtbares Wahrzeichen des Werkes war der sogenannte blaue Topf auf dem Dach des Fabrikgebäudes. Er wurde zu einem markanten Erkennungszeichen der Firma und gilt für viele Menschen in Ahlen und im Umland bis heute als das Wahrzeichen der Stadt.[9]

Auch nach dem Ende der Produktion in den frühen 1990er Jahren blieb der blaue Topf das prägende Merkmal des ehemaligen Werksgeländes an der Industriestraße. Im Zusammenhang mit den seit den 2010er Jahren diskutierten und eingeleiteten Umnutzungsplänen wurde seine besondere stadtgeschichtliche und identitätsstiftende Bedeutung erneut hervorgehoben.[10]

Nachgeschichte des Geländes

Nach dem Ende der Produktion in den frühen 1990er Jahren verfiel das zwischen Bahndamm und Wohngebäuden gelegene Werksgelände zunehmend und galt über Jahre als sogenannter „Lost Place“. Erst nach dem Erwerb durch die Familie Weber kam wieder Bewegung in die Entwicklung des Areals. Dabei blieb vor allem das Gebäude unter dem blauen Topf ein zentraler Bezugspunkt für neue Nutzungsüberlegungen.[11]

Quellen

  • Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914. Die Industrialisierung einer münsterländischen Ackerbürgerstadt. Ahlen 1989.
  • Wolfgang Muth: Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877.
  • Wolfgang Muth: Von der Ackerbürgergemeinde zur Industriestadt, in: Gesichter einer Stadt.

Weblinks

  • Archivbestandsbeschreibung Kreisarchiv Warendorf (Bestand N 182: Stephan Nahrath, Stanz- und Emaillierwerk)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 Wolfgang Muth: Ahlen 1870–1914. Die Industrialisierung einer münsterländischen Ackerbürgerstadt, Ahlen 1989, S. 93.
  2. Wolfgang Muth: Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877, S. 18.
  3. 3,0 3,1 Wolfgang Muth: Von der Ackerbürgergemeinde zur Industriestadt, in: Gesichter einer Stadt, S. 147.
  4. 4,0 4,1 Wolfgang Muth: Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877, S. 28.
  5. 5,0 5,1 5,2 Wolfgang Muth: Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877, S. 25.
  6. Wolfgang Muth: Von der Ackerbürgergemeinde zur Industriestadt, in: Gesichter einer Stadt, S. 148.
  7. Wolfgang Muth: Emaille-Industrie in Ahlen seit 1877, S. 41.
  8. Wolfgang Muth: Von der Ackerbürgergemeinde zur Industriestadt, in: Gesichter einer Stadt, S. 150.
  9. Bernd Döding: Der besondere Nahrath-Charme, in: Westfälische Nachrichten, 7. Juli 2021.
  10. Bernd Döding: Der besondere Nahrath-Charme, in: Westfälische Nachrichten, 7. Juli 2021.
  11. Der besondere Nahrath-Charme, in: Westfälische Nachrichten, 7. Juli 2021.